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Auf den Spuren der Dichter und Denker

Wer kennt sie nicht, die in bester Karl-Mayischer Manier nicht nur fesselnden, sondern den Leser durch geschickte Spannungsbögen bis aufs Äußerste marternden Geschichten von Haink.

Weniger bekannt sind die Schauplätze der Handlungen. Das geschichtlich Besondere und kulturell Verbindende der dortigen Begebenheiten aufzuzeigen, das sollte das Ziel meiner Reise sein.

Meine Reise, den Spuren Hainkscher Abenteuer folgend, führte mich über Felder, Wiesen und Äcker, in das in karge Marschlandschaft gebettete, kleine beschauliche ostfriesische Dorf Fryslânkaspel. Das Ziel meiner Reise lag mitten im Dorf auf dem von hohen Eichen umsäumten Marktplatz. - Das einzige Fliegenmuseum Deutschlands.

In der gegenüberliegende Schänke wurde mir, dem Fremden, nachdem einige Grogs die steife, friesische Zurückhaltung gelöst und der aufgestauten Redseligkeit Bahn verschafft hatten, folgende Geschichte in munter plappernder Runde erzählt.

Vor vielen Jahren - der Dorfpostbote lag gerade nach seinem ersten Sturz vom Fahrrad, von dem viele behaupteten, er hätte ihn nach abendlicher Zecherei fahrlässig heraufbeschworen im Bett - erschien eines Mittags, wie aus dem Nichts ostfriesischer endloser Weite heraustretend, eine eremitisch abwesend wirkende Gestalt auf dem Marktplatz, die noch für allerlei Gedöns in dieser Idylle sorgen sollte.

In einem hier nicht fremd wirkenden Overall steckend, war das auffallend Ungewöhnliche an dieser, den verblichenen Fotos von Karl Valentin nicht unähnlichen Person der immense, schwärzliche, bläulich schimmernde Fliegenschwarm der sie einhüllte.

Wie sich nach intensivem Befragen herausstellte, hatte sich dieser nun als Haink bezeichnende Zuwanderer in der platten, kaum Orientierungspunkte liefernden ostfriesischen Eintönigkeit verfahren und sein ohne Benzin liegen gebliebenes Fahrzeug einige Kilometer entfernt zurück gelassen.

Ob es Fügung war, oder ob es nur an den wie immer nichts entgehenden, scharfen Augen Pollweiers lag, dem begnadeten Dorfchronisten und besten Fliegenfischer der Gemeinde; es kam wie es kommen musste.

Kaum waren die ersten verschnaufenden Atemzüge von dem auf der Mitte des Dorfplatzes stehendem, wie durch einen Schleier schemenhaft erscheinenden Haink nicht mehr in weitem Umkreis hörbar, schoss der Dorfchronist, sich von der vor der Schänke stehenden Bank erhebend, auf die in dieser Größe noch nie da gewesene, die frische Luft mit einem Summen und Brummen erfüllende Wolke zu, und klaubte sich auch schon die ersten Fliegen aus der Luft wie die reifen, köstlichen Trauben von einem zu hoch hängenden Rebstock.

Dies lies die nun schon zahlreich erschienenen Schaulustigen - die nicht nur über die Ursache dieses in diesem Umfang seltenen Naturschauspiels sich in ihren Bahnen traumwandlerisch sicher kreuzender Fliegen wild gestikulierend spekulierten - alsbald den bestimmten, aber nicht unhöflichen Protest Hainks vernehmen; vom vereinzelt hörbaren Kraftausdruck Scheiße einmal abgesehen.

Sobald hatte sich die nun fast vollständig versammelte dörfliche Gemeinschaft in zwei Lager gespalten, auf der sich auf der einen Seite die den Haink unterstützenden Naturschützer befanden, auf der anderen Seite die dem Dorfchronisten Pollweier beistehende Gruppe, die diese willkommene Wolke umherschwirrender Angelköder als Allgemeingut betrachtete.

Mittlerweile, es war schon einer dieser die Sinne betörenden, von flimmernder Luft und akrobatischen Mauersegler-Flügen durchzogenen ostfriesischen Sommer-Nachmittage geworden, hatte Haink, sichtlich genießend, auf einem gemütlichen friesischen Kanapés Platz genommen, welches zusammen mit Gebäck, Tee, Klüntjes, Grog und allerlei anderer Köstlichkeiten zu seiner Versorgung herbeigeschafft worden war. Hainks Anhänger bildeten eine der Fliegenwolke nicht unähnliche Ansammlung, die dafür sorgte, dass Pollweier nur noch vereinzelte und sich aus der sicheren Obhut leichtsinnig entfernende Insekten schnappen konnte.

Man stand sich unversöhnlich gegenüber und hoch schäumende Leidenschaft ließ die anfänglich gestellten Fragen nach diesem nicht unbekannten, aber nun ständig vorhandenen kotigen Geruch schnell verstummen. Hier Haink auf sein Recht pochend als Urheber und somit Eigentümer der Fliegenwolke, bestärkt von dem auch um Naturerhaltung besorgten Teil der Dorfbevölkerung. Auf der anderen Seite die pragmatisch denkenden Unterstützer des Dorfchronisten.

Die Tage gingen ins Land. Haink saß mittlerweile unter einem fachmännisch mit Reed gedecktem, nach allen Seiten offenem, einen germanischen Tingplatz ähnelndem, grobgezimmertem, aber doch mit der daneben stehenden Linde harmonisch wirkendem Unterstand. Von den Fliegen umschwirrt und von seiner auch weiblichen Anhängerschaft mit den Naturprodukten der Umgebung umsorgt, hatte er mittlerweile das Geheimnis des nicht mehr als störend empfundenen, in der Luft liegenden Geruchs gelüftet, der ganz banal auf ungewollt geleerten und sich verkrustenden Darminhalt in seinem Overall zurück zu führen war.

Das Ganze war begleitet von einzelnen Scharmützeln, die tagsüber sowie des Nachts stattfanden und trotz aufmerksamer Wachen um Hainks Biotop herum immer wieder zu kleineren Erfolgen in Form von mit Fliegen gefüllten Einmachgläsern auf der gegnerischen Seite führten. Auch wenn der beste Angler des Dorfes neben seiner Fliegenfängerei seine Chronistenpflicht nicht vernachlässigte, so konnten ihm doch die zwei, drei Helfer, die ihm in dieser Zeit unter den manchmal zur Unaufmerksamkeit neigenden Augen des Gegner gefangene Fliegen zuführten, auch in dieser Disziplin nicht das Wasser reichen.

Die sonntägliche Predigt, nunmehr aus der Dorfkirche auf den Marktplatz verlegt und nur noch um diesen, von einem mittlerweile brettersteifen Overall ausgelösten Konflikt kreisend, verbarg nicht den Gewissenskonflikt des Pfarrers, der vor einer Spaltung der Dorfgemeinschaft warnend den Finger hob, aber in dem Gemetzel gegen Gottes Natur auf dem Dorfplatz den sprichwörtlichen Teufel erblickte, der Fliegen frisst.

Wie sich das Ganze auflöste, darüber ist man sich bis heute uneinig. War es der herannahende Winter mit seiner Kälte der die Fliegen vertrieb? Hatten sie sich einer ergiebigeren Kotquelle angeschlossen? Man weiß es nicht. Erst verschwanden die Fliegen, dann die Tag und Nacht auf der Lauer liegenden Jäger dieser Zweiflügler. Dann die frische Kuhmilch, Eier, Butter, Käse, Marmelade, Obst und Gemüse in Hainks Refugium schleppenden Helfer.

Und schließlich auch Haink selber, dessen bequemes Lager man eines Morgens verlassen vorfand und der die wieder ihren gewohnten Tagesablauf findende Dorfbevölkerung nur noch darüber spekulieren ließ, wie er denn mit betonhartem Overall größere Strecken bewältigen konnte.

Das einzige heutige sichtbare Zeichen dieser nun im kollektiven ostfriesischen Gedächtnis verankerten Vorfälle ist, neben dem alljährlich gefeierten Fliegenfest, das schon oben erwähnte, im umgebauten Lagerplatz eingerichtete Fliegenmuseum mit einer excellenten Sammlung von an den hinteren Schwingkölbchen aufgespießter Fliegen.

15.8.08 21:37
 


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