* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt     * Abonnieren








Alles was ich über Haink noch erfahren konnte beschränkt sich auf die Erzählungen Gerhilds, der jungen, schlanken Tochter des Schankwirts, die Haink nicht nur wegen seines Fliegenschmuckes zugetan war, sondern nach anfänglicher Scheu regelmäßige Versorgungsgänge unternahm, um danach für längere Zeit in Hainks Nähe zu verweilen.

 

Ihr anfängliches Befremden gegenüber dem in dieser Persistenz ungewöhnlich vorherrschenden Geruch, wich bald der Bewunderung für die undogmatische Haltung Hainks gegenüber metabolischen Vorgängen.

 

Während einer dieser Zusammenkünfte erzählte Haink von einem sagenumwobenen, sonnigen Siam, einem Land fern hinter der windzerzausten Mongolei liegend, in das er aufbrechen wolle, um dort aus der seltenen, blauhaarigen Korat-Katze in geschickter Pionierarbeit rothaarige Bestände zu züchten und falls ihm das gelingen sollte, auch für die Verbreitung grünhaariger Exemplare zu sorgen.

 

Während abendlicher Gespräche mit dem Dorfchronisten, beim gemeinsamen Betrachten der Dorfchronik, sollte  ich Genaueres über Hainks Abstammung erfahren.

 

Er sah es als erwiesen an, dass Haink ein direkter Nachkomme der schon vom römischen Chronisten Tactius beschriebenen Fennen-Germanen sei, die als Jäger und Sammler ein sorgloses, bedürfnisloses Leben auf nacktem Waldboden „ächzender“ Feldarbeit vorgezogen hatten, was das Auftreten Hainks, die ihm dargebotene Gastfreundschaft und der Aufenthalt seines Geistes in den Waldbeständen der näheren Umgebung beweisen würde.

 

Drei, nicht nur biologische Prägungen sind  für die beiden Dörfer in der Dorfchronik verzeichnet.

 

Unbestritten ist die kleine Gruppe friedlicher Chauken, die sich um die Zeitenwende aus dem Gebiet der Weser aufmachte und nach beschwerlicher Wanderung hier zwei Wurten anlegte; kleine, vor Hochwasser schützende Hügel, auf denen das spätere Frieslandum und Marschum gegründet wurden.

 

Dies belegen zahlreiche Funde von Lanzenspitzen, Schwertern, Steinen und Fiebeln, beschrieben mit einem nur hier zu findenden Futhark, dem Runenalphabet. Dass heute noch mit Torf geheizt wird und in nicht wenigen der hier üblichen Langhäuser, wenn man sie durch den Eingang betritt, auf der rechten Seite des Flurs sich die Küche mit den dahinterliegenden Wohnräumen befindet und auf der linken Seite das Vieh mit dem darüber liegenden Heuboden zu sehen ist, seien weitere Indizien  Chaukischer Abstammung.

 

Woher der kleine Trupp Fennen-Germanen kam der später in den umliegenden Wäldern lebte, bis er sich nach einem verheerenden Hochwasser mit den Chauken vermischte, ist ungeklärt.

 

Das wilde, unabhängige und freiheitsliebende Element, sowie die endgültige  Namensgebung in Fryslânkaspel und Marschkaspel brachten die Likedeeler um Klaus Störtebeker, die sich hier in dieser abgelegenen Gegend vor den Häschern der Hanse versteckten.

Auch heute noch benutzt Pollweier, als direkter Nachfahre Magister Wigbolts, einer der Vitalienbrüder und Kapitän an der Seite Störtebeckers, der erst in Klöstern aufwuchs bevor er in Oxford studierte und als gefürchteter Pirat auf dem Grasbrook bei Hamburg geköpft wurde, dessen an die Nachkommen weiter gegebenen Trinkbecher.

 

Manche schreiben es dem Einfaltsreichtum der hiesigen Dorfbevölkerung zu, als man beim Amtsantritt des Pfarrers einen Tag vor dessen Überquerung des gefrorenen Dorfweihers Löcher in das Eis hackte, die tags darauf schon wieder zugefroren, dem in die dünne Eisschicht einbrechenden Pfarrer unter dem Gelächter der Anwesenden mehrmals nasse Beine bescherten.

 

Andere sahen darin ein Erbe Störtebekerscher Kriegslist, die schon bei der legendären Schlacht um Stockholm gegen die Dänen die Vitalienbrüder zum Erfolg geführt hatte.

 

Auch wenn dieser, auf den Außenstehenden oft grob wirkende Humor hier immer wieder anzutreffen ist, verdeckt er doch die darunter liegende Fürsorge für die Mitmenschen.

 

Selbst als eines Tages fahrendes Volk in Marschkaspel auf dem Dorfplatz ein Seil zwischen vier schräg in den Boden gerammten Pfosten aufspannte und der nicht allzu harte Boden den muskulösen jungen Mann, der sich anschickte das Seil zu überqueren, etwas benommen auffing, wurde er nicht weniger umsorgt und gepflegt wie Haink und die dessen Emissionen umkreisende Fliegengalaxie.

 

Dass die korpulente Frau des Postboten ihrer Angewohnheit, sich an jeder Hausecke oder freistehendem Pfosten mehrmals täglich den Rücken zu scheuern ausgerechnet in dem Augenblick an einem das Seil spannenden Pfosten nachkam, als oben spielerisch versucht wurde Schwerkraft zu überwinden und damit unter dem Gelächter des Publikums den Absturz verursachte, konnte nur von Dorffremden nicht vorausgesehen werden.

 

Auch für mich bedeutete der Aufbruch zu weiterer Spurensuche einen Absturz in die diese beiden ungewöhnlichen Dörfer umgebende Realität.

 

 

 

 

 

 

17.8.08 19:36


[erste Seite] [eine Seite zurück]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung