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War es der vermutete Neid in Marschkaspel, diesem kleinen Nachbarsdorf von Fryslânkaspel, der die Bewohner dazu bewog, Hainks Lagerplatz mit Blumen und Fasaneneiern zu dekorieren? Oder war es doch der tief verwurzelte Geisterglaube, der in den ostfriesischen Marschen noch den Alltag beherrscht und der sich in dieser reinen Form nur in der Verlassenheit und Abgeschlossenheit zweier friesischer Dörfer erhalten hat und nach Aussage des beschlagenen und peniblen Dorfchronisten Pollweier ein klares Indiz auf eine versprengte Gruppe der Chauken ist, die sich in germanischen Zeiten hier ansiedelte und die als die Begründer von Fryslânkaspel und Marschkaspel gelten?

Dafür lege auch die, nur in diesen beiden Dörfern ohne Töpferscheibe hergestellte, auf einem Standfuß stehende, erst in neuester Zeit mit schwärzlich, bläulich schimmernder Lasur überzogene Buckel-Keramik Zeugnis ab; genauso wie die hier üblichen Vornahmen Hengist, Horsa, Theowulf und Asfrid.

Zuerst berichteten einige Marschkaspeler Kinder - deren olfaktorische Wahrnehmung, wenn nicht gerade durch regelmäßige Apoptose beeinträchtigt, sie plötzlich auf dem See nach Kuhdung Ausschau halten ließ - von einer verwilderten, in einem Overall steckenden Gestalt, die durch unstetes Hin- und Herlaufen auf der Wasseroberfläche auffiel und zweifelsohne wie der leibhaftige Haink aussah. Erst als sich dieses Wesen beim Näherkommen mir nichts dir nichts in Luft auflöste, rannten die Kinder verängstigt und brüllend in ihre Katen, wo die Luft alsbald von den noch nicht verloren gegangenen, althergebrachten Beschwörungsformeln angereichert war.

Die Sichtungen häuften sich.

Als auch noch der Dorflehrer - der dafür bekannt war, ausgenommen während der Spanne des sonntäglichen Frühschoppens die Dinge rational nüchtern zu betrachten - eines Tages schwer atmend, in einem alle verblüffenden Tempo durch das Dorf lief und vom Geist im Overall berichtete, der, diesmal ohne tierischen Schleier sich in einem Baume sitzend nicht unweit des Dorfweihers befinde, da zweifelte keiner mehr daran, dass der wirkliche Haink Fryslânkaspel zwar verlassen, aber sein Geist sich das noch beschaulichere Marschkaspel als Aufenthaltsort ausgewählt hatte.
Nun versicherten auch alle anderen Dorfbewohner, schon seit geraumer Zeit kotigen Geschmack auf der Zunge oder verstärkten Geruch in der Luft wahrgenommen zu haben. Aufmerksame Beobachter, wie der einzige Kramladenbesitzer des Ortes meinten, eine größere Anzahl von in ihrem Flug merkwürdig unruhig wirkender Fliegen zu bemerken.

Das entscheidende, den dörflichen Alltag in den nächsten Wochen nicht unwesentlich in seinen tagtäglichen Abläufen beeinträchtigende Ereignis begann eines Tages zur Mittagszeit unter den Augen nur weniger, sich auf dem Marktplatz aufhaltender und meist schwatzender oder boßelnder Dorfbewohner.

Die Richtung aus der er kam, sollte noch Stoff für zahllose Spekulationen hergeben, aber dass der Geist im Overall sich lautlos, in langsamen Schritten rückwärts gehend über den Dorfplatz bewegte, dabei interessiert die Auslagen des Kramladens betrachtete und unter den um Fassung ringenden Gesichtern der Zuschauenden, nachdem er eine wie eine Ewigkeit erscheinende Runde gedreht hatte, sich wieder in Nichts auflöste, ist von allen, zu der Zeit Anwesenden bezeugt.

Dass schon am folgenden Tag die ersten Kinder und Erwachsenen begannen in langsamen Schritten rückwärts zu gehen, wird vom Dorfchronisten Pollweier leicht vorwurfsvoll mit der manchmal unbedachten Aufgeschlossenheit der Bewohner Marschkaspels gegenüber Neuem erklärt.

Diese geradezu kindliche Neugier und spielerische Experimentierfreudigkeit sei auch der Grund dafür gewesen, warum in Marschkaspel vor einigen Jahren, nachdem der Kramladen-Händler eines Tages mit einem Päckchen von seiner schwarzen Horex Regina abgestiegen war und die ersten, mit hier noch unbekannten Teebeuteln gefüllten Kartons unter den staunenden Blicken der sich in seinen Laden drängenden Zuschauenden in das Regal räumte, für einige Monate, zu bester Teetied, anstatt üblicher Ostfriesen-Mischungen poröse Teebeutel in den Kannen geschwenkt wurden.

Theowulf der Ringer war der erste, der langsam, sich rückwärts bewegend, Fuß vor Fuß setzend, den Dorfplatz auf seinem täglichen Weg zum Kramladen überquerte und für einige Wochen dieser Art des rückwärtigen Voranschreitens in Marschkaspel zum Durchbruch verhalf.

Einige brachten gesundheitsfördernde Aspekte vor, andere sahen in dieser neuen Art des Gehens eine kluge, Augen öffnende Demonstration Hainks gegen die, wenn auch in dieser Gegend nur spärlich anbrandende Hektik und Schnelllebigkeit der heutigen Zeit. Jüngere Adepten der Langsamkeit lobten den Geist Hainks für diese geniale Vorführung individueller Selbstbestimmung - gegenüber den gleichgeschalteten Bewegungsabläufen kleinbürgerlichen Spießertums.
Wieder andere betonten die Vorteile der damit einhergehenden Kontemplation und Besinnung und nur einige aufgeregt phantasierende Kinder wollten schon mehrfach Fliegen im Rückwärtsflug gesehen haben.

Die erste Prozession fand Sonntags unter einem blauen, mit weißen Schäfchenwolken spärlich gesprenkeltem Himmel statt und führte, zwischen, von prächtig schillernden Libellen überflogenen, versumpften Wiesen, in Richtung Fryslânkaspel.
Vornweg trug man Blumengirlanden und Fasaneneier, gefolgt von zwei Pferdewagen mit allerlei einheimischem, köstlichem Proviant und Selbstgebrautem, hinter denen Jung und Alt aus Marschkaspel in schwarzen Anzügen oder auch in dörflicher Tracht einher schritten. Ob nun aus Angst, wie das Pfeifen im Walde, oder aus ehrfürchtiger Euphorie; es herrschte eine ausgelassene Stimmung, die sich immer öfters in durchaus melodischen Gesängen Bahn brach und nicht selten in den die Landschaft wiederspiegelnden, modrigen Fäulnisarien gipfelte.

Horsa der Dorfschmied und Theowulf der beste Ringer des Dorfes bildeten die Nachhut und behielten die Umgebung im Auge.

Dieser unangekündigte Auszug aus dem Nachbarort entging den scharfen Augen des vor der Dorfschänke sitzenden Pollweiers genauso wenig, wie jede sich ahnungslos in seiner Nähe aufhaltende Fliege, die er mit den einem Samurai-Schwertmeister würdigen Reflexen blitzartig einfing.

Eine Empfangs-Delegation für dieses außergewöhnlichste Ereignis seit dem Erscheinen des Haink war in der gut gefüllten Dorfschenke schnell gefunden und machte sich, nun schon begleitet von einer größeren Dorfschar auf den Weg, den ungewohnten, nachbarlichen, sich durch die Wiesen schlängelnden, vom Gesang erfüllten Lindwurm zu empfangen.
Man besprach sich zu Anfang durchaus freundlich, konnte aber die Vorwürfe aus Marschkaspel, die Geister im eigenen Dorf auf die leichte Schulter genommen zu haben und damit die Schuld am Erscheinen des Hainkschen Geistes zu tragen, nicht auf sich sitzen lassen.
Im Gegenteil, so brachte man vor, sei der leibhaftige Haink in Fryslânkaspel überaus großzügig bewirtet worden und würde auch heute noch Gastfreundschaft genießen, wenn nicht, wie schon lange vermutet, Intriganten aus Marschkaspel zumindest die ihn begleitenden Fliegen vertrieben hätten.

Dem Dorfpfarrer schwante Fürchterliches.

Die Fronten verhärteten schneller als der den Hainkschen Darmentleerungen ausgesetzte Overall.
Es wurde hitzig diskutiert in der mittlerweile angebrochenen sternenklaren Nacht, aber nebenbei auch getanzt und musiziert, gehandelt, getauscht und angebandelt, sodass dieses sich zum größten Dorf-Fest entwickelnde Ereignis einen besonderen Platz in der Dorfchronik einnehmen sollte.

Ob Verhandlungsgeschick oder die festliche Stimmung der, in der von zahlreichen Biiken erleuchteten Dunkelheit irrlichtenden Dorfbewohner zur Einigung führte, wird in der Dorfchronik von der spitzfindigen Feder des Dorfchronisten als irrelevant bezeichnet, genauso wie die Tatsache regelmäßiger Fliegen-Geschenke aus dem Nachbardorf.

Es sollten noch einige Sommer ins Land gehen, bevor der Dorfpfarrer es schaffte, den Hainkschen Lagerplatz von einem Ort der Geisterbeschwörung, in ein der wissenschaftlichen Exposition verpflichtetes Fliegenmuseum umzugestalten..

15.8.08 21:44


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